Cleve Backster: Primärwahrnehmung und Biokommunikation (NEXUS Magazin-Interview)

Primärwahrnehmung und Biokommunikation:
ein Interview mit Cleve Backster

Biokomm

Sämtliche Lebensformen, seien es Pflanzen, Bakterien oder menschliche Zellen, haben die angeborene Fähigkeit, ihre Umwelt wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Diese Entdeckung verlangt nicht nur nach einer Neudefinition des Begriffs Bewusstsein, sie verspricht auch Interessantes für die künftige Kommunikation zwischen verschiedenen Spezies.


Die Tür zur Kommunikation mit anderen Lebensformen öffnet sich

Ich interviewte Cleve Backster (1924–2013) vor beinahe 20 Jahren zum Thema Pflanzenintelligenz. Nein, Backster war kein Botaniker. Vielmehr galt er weltweit als Experte für Polygrafen, die man auch als Lügendetektoren bezeichnet. Ich weiß, dieser Zusammenhang mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen. Doch hören Sie sich seine Geschichte erst einmal an, dann wird Ihnen alles klar werden.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Backster als Verhörspezialist bei der CIA und gründete die Backster-Schule für Lügendetektion, um dort Polizeibeamte auszubilden. Diese Schule ist die älteste bestehende Polygrafieschule der Welt.

Backster kann sich ganz genau an den Moment erinnern, in dem sich seine Lebensausrichtung für immer veränderte und er vom Gebiet der Lügendetektion zu dem der Pflanzenintelligenz überwechselte. Es war der Morgen des 2. Februar 1966, als das Zeitdiagramm, das er gerade erstellte, bei der Marke 13 Minuten und 55 Sekunden stand. Backster hatte die Unversehrtheit seines Versuchsobjekts in der Hoffnung bedroht, eine Reaktion zu erhalten. Und tatsächlich reagierte das Versuchsobjekt elektrochemisch auf diese Bedrohung. Bei dem Versuchsobjekt handelte es sich um eine Pflanze. Hier folgt die Geschichte:

„Ich beschäftigte mich eigentlich nur am Rande mit Pflanzen. Doch weil das Blumengeschäft im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem ich arbeitete, einen Räumungsverkauf veranstaltete, brachte meine Sekretärin einige Pflanzen mit ins Büro, darunter einen Gummibaum und eben jenen Drachenbaum. Ich goss die Pflanzen bis zur Sättigung, das heißt, ich hielt sie unter den Wasserhahn, bis das Wasser aus den Topfböden austrat. Nun war ich gespannt zu erfahren, wie lange die Feuchtigkeit brauchen würde, um bis an die Spitze der Pflanzen zu gelangen. Der Drachenbaum interessierte mich dabei besonders, denn er musste die Feuchtigkeit den ganzen langen Stamm hinauf bis ans Ende der langen Blätter weiterleiten. Ich ging davon aus, dass der auf dem Prinzip der galvanischen Hautreaktion basierende Detektor des Polygrafen, den ich am Ende eines Blattes angebracht hatte, ein Absinken des Widerstands feststellen und auf Papier aufzeichnen würde, sobald die Feuchtigkeit zwischen die Elektroden gelangt war […]. Auf dem Diagramm entdeckte ich allerdings etwas, das der menschlichen Reaktion auf einen Polygrafen durchaus ähnelte. Es bildete bloß keineswegs das ab, was ich erwartet hätte, als das Wasser das Blatt erreichte.

Lügendetektoren machen sich die Tatsache zunutze, dass Menschen in vorhersehbarer Weise reagieren, wenn sie sich in ihrem Wohlbefinden bedroht fühlen. Wenn man einen Polygrafen im Rahmen einer Mordermittlung einsetzt, kann man den Verdächtigen beispielsweise fragen: ‚Waren Sie derjenige, der den tödlichen Schuss auf Soundso abgefeuert hat?‘ Wenn die richtige Antwort ja lautet, dann hat der Verdächtige Angst, beim Lügen ertappt zu werden. Folglich registrieren die Elektroden auf seiner Haut die physiologische Reaktion, die durch diese Angst hervorgerufen wird.

Ich überlegte mir also, wie ich das Wohlbefinden der Pflanze bedrohen könnte. Mein erster Versuch bestand darin, ein Nachbarblatt in eine Tasse mit warmem Kaffee zu tauchen. Die Pflanze zeigte allenfalls eine Reaktion, die ich heute als gelangweilt bezeichnen würde – die Linie auf dem Diagramm verlief einfach konstant weiter nach unten. Dann aber, bei der Marke 13 Minuten und 55 Sekunden, kam mir in den Sinn, das Blatt zu verbrennen. Ich sprach das nicht laut aus, ich berührte die Pflanze nicht und ich berührte auch das Gerät nicht. Die Pflanze drehte durch. Der Stift sprang buchstäblich über den Rand des Diagrammpapiers hinaus. Jedoch war der einzige neue Faktor, auf den die Pflanze reagiert haben konnte, mein mentales Bild.

Ich ging ins Nebenbüro, um Streichhölzer vom Tisch meiner Sekretärin zu holen. Dann zündete ich eines der Streichhölzer an und brachte es ein paar Mal vorsichtig in die Nähe eines Nachbarblatts. Dabei war mir allerdings klar, dass bei der ohnehin bereits extremen Reaktion eine weitere Steigerung gar nicht mehr feststellbar sein würde. Ich versuchte es also anders: Ich setzte der Bedrohung ein Ende, indem ich die Streichhölzer auf den Schreibtisch meiner Sekretärin zurücklegte. Sofort beruhigte sich die Pflanze wieder. Ich erkannte sogleich, dass hier etwas ganz Wesentliches vor sich ging. Eine konventionelle wissenschaftliche Erklärung fiel mir dazu nicht ein. Niemand anderer war in den Laborräumen anwesend und ich hatte nichts getan, was ein mechanisches Auslösen hätte bewirken können. In jenem Bruchteil einer Sekunde veränderte sich mein Bewusstsein für immer, und von da an widmete ich mein ganzes Leben der Aufgabe, dieses Phänomen näher zu erforschen.“

Primärwahrnehmung bei allen Lebensformen

Diese Reaktion der Pflanze bezeichnete Backster als Primärwahrnehmung, und er fand heraus, dass nicht nur Pflanzen dazu fähig sind.

„Die Wahrnehmungsfähigkeit, die wir bis hinunter zur Ebene der Bakterien feststellen können, hat mich erstaunt. Eine Joghurtprobe reagierte beispielsweise darauf, dass eine andere Joghurtprobe Nährstoffe erhielt. So als wollte sie sagen: ‚Die dort bekommt etwas. Was ist mit mir?‘ Dieses Phänomen tritt mit einem gewissen Maß an Wiederholbarkeit auf. Schließt man eine Joghurtprobe an Elektroden an und träufelt Antibiotika auf eine andere Probe, dann zeigt der angeschlossene Joghurt eine gewaltige Reaktion auf den Tod des Nachbarn. Dabei braucht es sich nicht einmal um dieselbe Art von Bakterien zu handeln.

Die erste siamesische Katze, die ich hatte, pflegte nur Hühnerfleisch zu fressen. Ich bewahrte also ein gekochtes Huhn im Kühlschrank des Labors auf und trennte jeden Tag ein Stück ab, um die Katze damit zu füttern. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem das Huhn fast aufgebraucht war, wurde das Fleisch natürlich zunehmend älter und es begannen sich Bakterien darauf zu bilden. Eines Tages, nachdem ich gerade eine Joghurtprobe verkabelt hatte, holte ich das Huhn aus dem Kühlschrank, um wieder einige Fleischstücke abzutrennen. Der Joghurt reagierte darauf. Als ich das Huhn unter eine Wärmelampe legte, um es auf Zimmertemperatur zu bringen, nahm ich bei dem Joghurt eine sehr starke Reaktion wahr, sobald die Wärme die Bakterien erreichte.“

Ich fragte Backster, wie er sich sicher sein konnte, dass nicht er den Joghurt beeinflusste.

„Ich wusste zu dem Zeitpunkt überhaupt nichts von dieser Reaktion. Überall im Labor befanden sich Piepschalter. Bei jeder Handlung, die ich durchführte, betätigte ich einen dieser Schalter, der dann dafür sorgte, dass auf irgendeinem entfernten Diagramm eine Aufzeichnung stattfand. Erst später verglich ich die Reaktion des Joghurts mit dem, was zu der entsprechenden Zeit im Labor stattgefunden hatte.“

Reagierte der Joghurt auch, als die Katze zu fressen begann?

„Interessanterweise scheinen Bakterien über einen Verteidigungsmechanismus zu verfügen, der sie bei extremer Gefahr in eine Art Schockzustand fallen lässt. Sie werden praktisch ohnmächtig. Viele Pflanzen reagieren genauso. Wenn man ihnen genügend zu Leibe rückt, dann zeigt ihr Diagramm eine gerade Linie. Bei den Bakterien war das offenbar ebenso der Fall, denn sobald sie in den Verdauungstrakt der Katze gelangten, ging das Signal aus. Ab diesem Zeitpunkt gab es nur noch eine gerade Linie.“

Backster erzählte weiter:

„Einmal, als ich mit dem Flugzeug unterwegs war, hatte ich einen kleinen batteriebetriebenen Reaktionsmesser dabei. Als die Flugbegleiter das Mittagessen zu servieren begannen, zog ich das Messgerät heraus und fragte meinen Nachbarn: ‚Soll ich Ihnen etwas Interessantes zeigen?‘ Anschließend legte ich ein Salatblatt zwischen die Elektroden. Sobald die Leute anfingen, ihren Salat zu essen, sahen wir eine gewisse Reaktion, die aufhörte, als die Blätter in einen Schockzustand fielen. ‚Warten Sie ab, was geschieht, wenn die Tabletts wieder weggetragen werden‘, sagte ich. Als die Flugbegleiter das Essen abräumten, reagierte der Salat erneut. Ich sehe meinen Nachbarn noch vor mir – angeschnallt auf seinem Sitz neben dem Fenster – wo er keine Möglichkeit hatte, diesem verrückten Wissenschaftler zu entfliehen, der Salat an ein elektronisches Gerät anschloss.

Entscheidend ist hier, dass der Salat eine Schutzhaltung einnahm, um nicht leiden zu müssen. Doch sobald die Gefahr vorüber war, kehrte seine Reaktionsfähigkeit zurück.

Dieses Aussetzen der elektrischen Energie auf Zellebene ist meines Erachtens mit dem Schockzustand vergleichbar, in den Menschen bei extremen Traumata geraten.“

Pflanzen, Bakterien, Salatblätter …

„Eier. Als ich in New York lebte, hatte ich einen Dobermannpinscher, dem ich jeden Tag ein Ei fütterte. Eines Tages, nachdem ich gerade eine Pflanze an einen großen galvanischen Reaktionsmesser angeschlossen hatte, schlug ich wieder einmal ein Ei auf. Daraufhin spielte der Reaktionsmesser verrückt. Das war für mich der Anfang einer ganzen Versuchsreihe mit Eiern, die sich über hunderte von Stunden erstreckte. Es spielte keine Rolle, ob ich befruchtete oder unbefruchtete Eier verwendete. Jedes Ei besteht aus lebenden Zellen. Und somit nehmen Pflanzen wahr, wenn die Kontinuität unterbrochen wird. Eier verfügen ebenfalls über den oben beschriebenen Verteidigungsmechanismus. Sobald man sie bedroht, wird ihre Kurve flach. Nach etwa 20 Minuten kehrt die Reaktion zurück.

Nachdem ich bereits mit Pflanzen, Bakterien und Eiern gearbeitet hatte, begann ich mir die Frage zu stellen, wie Tiere wohl reagieren würden. Allerdings konnte ich keine Katze und keinen Hund dazu bringen, so lange still zu sitzen, bis ich ein vernünftiges Messergebnis erhalten hatte. So kam ich auf die Idee, es mit menschlichen Spermazellen zu versuchen, die außerhalb des Körpers lange Zeit überleben können und in jedem Fall leicht zu beschaffen sind. Ich besorgte mir eine Probe von einem Spender und platzierte sie in einem mit Elektroden versehenen Reagenzglas. Dann sorgte ich dafür, dass Spender und Sperma durch einen Abstand von einigen Zimmern getrennt waren. Der Spender inhalierte Amylnitrit, ein Mittel, das die Blutgefäße erweitert und herkömmlicherweise verwendet wird, um einen Schlaganfall zu beenden. Bereits das Öffnen des Präparats löste bei dem Sperma eine enorm starke Reaktion aus – doch als der Spender das Mittel inhalierte, spielte das Sperma regelrecht verrückt.

Da stand ich nun und beobachtete, wie einzellige menschliche Organismen – Spermien – auf die Empfindungen ihres Spenders reagierten, der sich nicht einmal im selben Raum befand. So konnte ich meine Forschungen jedoch unmöglich fortsetzen. Wissenschaftlich waren sie zwar durchaus korrekt, politisch gesehen aber äußerst unklug. Die eingefleischten Skeptiker hätten sich zweifellos über mich lustig gemacht und mich gefragt, wo sich denn mein Masturbationsraum befände, oder sie hätten Kommentare ähnlicher Art abgegeben.

Ich lernte einen zahnmedizinischen Forscher kennen, der eine Methode zur Entnahme von weißen Blutkörperchen aus dem Mundraum perfektioniert hatte. So etwas war politisch vertretbar und einfach durchzuführen. Zudem bedurfte es keiner medizinischen Aufsicht. Ich begann, bei meinen Experimenten mit Split-Screen-Aufzeichnungen zu arbeiten. Unten im Bild blendete ich jeweils den Diagrammverlauf ein, der über die Aktivitäten des Spenders Auskunft gab.

Wir nahmen Proben von weißen Blutkörperchen und schickten die Leute anschließend mit der Aufforderung nach Hause, sich dort ein bestimmtes, vorher ausgewähltes Fernsehprogramm anzusehen, das eine emotionale Reaktion erwarten ließ. So zeigte man beispielsweise einem Veteranen von Pearl Harbor eine Dokumentation über den damaligen japanischen Luftangriff. Wir stellten fest, dass die Körperzellen noch immer auf die Emotionen ihres Eigentümers reagierten, auch wenn sie sich außerhalb des Körpers und mitunter sogar einige Kilometer von diesem entfernt befanden.

Der größte Abstand, mit dem wir je gearbeitet haben, betrug knapp 500 Kilometer. Der Astronaut Brian O’Leary, Autor des Buches „Exploring Inner and Outer Space“, ließ weiße Blutkörperchen von sich hier in San Diego zurück und flog anschließend nach Hause nach Phoenix. Unterwegs führte er Buch über alles, was ihn ärgerte, und notierte dazu jeweils die entsprechende Uhrzeit. Die Verbindung blieb erhalten, auch über diese Entfernung hinweg.“

Die Schlussfolgerungen, die man daraus ziehen kann …

Backster unterbrach mich und sagte lachend:

„Ja, die sind wirklich atemberaubend. Ich habe ganze Aktenschränke gefüllt mit Einzelberichten, die immer wieder aufs Neue beweisen, dass Bakterien, Pflanzen und so weiter in fantastischer Weise aufeinander eingestimmt sind. Auch menschliche Zellen verfügen über diese primäre Wahrnehmungsfähigkeit, allerdings ging diese auf der Bewusstseinsebene weitgehend verloren.“

Die Reaktionen der wissenschaftlichen Gemeinde

Ich fragte Backster, wie denn die wissenschaftliche Gemeinde auf seine Arbeit reagiert hätte.

„Abgesehen von Grenzwissenschaftlern, wie beispielsweise Rupert Sheldrake, wurde ich zuerst lächerlich gemacht und dann mit Verachtung gestraft. Heutzutage begegnet man mir überwiegend mit Schweigen.

Anfangs bezeichnete man diese Primärwahrnehmung als ‚Backster-Effekt‘. Man hoffte vielleicht, die Beobachtungen ins Triviale ziehen zu können, indem man sie nach jenem wilden Mann benannte, der Dinge zu sehen glaubt, die der Mainstream-Wissenschaft entgehen. Der Name blieb hängen. Da man die Primärwahrnehmung jedoch nun nicht mehr so ohne Weiteres vom Tisch wischen kann, benutzt man heute den Begriff nicht länger in verächtlicher Weise.“

Ich fragte Backster nach den hauptsächlichen Kritikpunkten, die Mainstream-Wissenschaftler ihm entgegenhielten.

„Das große Problem – und dieses Problem betrifft die gesamte Bewusstseinsforschung – liegt in der Wiederholbarkeit. Die von mir beobachteten Ereignisse traten alle spontan auf. Es kann auch gar nicht anders sein. Wenn man sie im Voraus planen würde, hätte man sie dadurch bereits verändert. Es läuft alles auf Folgendes hinaus: Wiederholbarkeit und Spontaneität lassen sich nun einmal nicht vereinbaren. Solange die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinde ihr Augenmerk allzu sehr auf Wiederholbarkeit lenken und diese zur Grundlage ihrer Methodik machen, werden sie in der Bewusstseinsforschung nicht allzu weit kommen.

Aber nicht nur Spontaneität spielt eine Rolle, das Gleiche gilt auch für Absicht. Man kann nicht nur so tun, als ob. Wenn Sie sagen, Sie würden eine Pflanze anzünden, es aber nicht meinen, dann wird auch nichts geschehen. Immer wieder fragen mich Leute aus allen Teilen des Landes, wie sie bei einer Pflanze Reaktionen hervorrufen können. Dann antworte ich Ihnen: Sie brauchen nichts Besonderes zu tun. Gehen Sie einfach Ihrer Arbeit nach und führen Sie darüber Buch. So können Sie später feststellen, womit Sie zu bestimmten Zeiten beschäftigt waren. Ziehen Sie dann die Diagrammaufzeichnungen zum Vergleich heran‘.

Leute, die sich im Großen und Ganzen an diesen Rat halten, erzielen oft Ergebnisse, die meinen ähneln, und gewinnen nicht selten den ersten Preis in irgendeinem wissenschaftlichen Wettbewerb. Wenn Sie jedoch mit „Biology 101“ in Berührung kommen, wird man Ihnen dort weismachen, dass Ihre Erfahrungen nicht zählen.

Einige Wissenschaftler haben versucht, meine Experimente zu replizieren […], wobei ihre Herangehensweise aber methodisch in jedem Fall inadäquat war […]. An diesem Punkt kann man sehr leicht scheitern […]. Und seien wir mal ehrlich: Einige der Wissenschaftler waren erleichtert, dass ihre Experimente scheiterten, denn ein Erfolg hätte bedeutet, sich gegen das gesamte überlieferte wissenschaftliche Gedankengut zu stellen.“

Ich merkte an, dass das Aufgeben der Vorhersehbarkeit für Wissenschaftler bedeuten würde, auch die Kontrolle aufzugeben, was wiederum bedeuten würde, die westliche Kultur aufzugeben. Und das wird so lange nicht geschehen, bis unsere Zivilisation unter dem Gewicht ihrer eigenen ökologischen Exzesse zusammenbricht.

Backster nickte zustimmend und meinte:

„Ich habe es aufgegeben, mich mit anderen Wissenschaftlern darüber zu streiten. Denn eines weiß ich: Auch wenn deren Experimente scheitern, so bekommen diese Wissenschaftler dennoch Dinge zu sehen, die ihr Bewusstsein verändern. Menschen, die sich vor 20 Jahren noch nicht geäußert hätten, sagen heute oftmals zu mir: ‚Ich denke, heute kann ich Ihnen sagen, wie sehr Sie mein Leben durch Ihre Arbeit in den 1970er Jahren verändert haben‘. Die entsprechenden Wissenschaftler glaubten seinerzeit, es sich nicht leisten zu können, für Unruhe zu sorgen. Denn schließlich standen ihre Glaubwürdigkeit und damit ihre Chancen auf Fördergelder auf dem Spiel.“

Mögliche Erklärungen

Ich fragte Backster, ob es noch andere Erklärungen für seine polygrafischen Messungen geben könnte. Ich hatte gelesen, dass jemand behauptete, ein lockerer Draht könnte der auslösende Faktor sein.

Backster antwortete:

„Im Laufe von 31 Jahren Forschungsarbeit habe ich alle lockeren Drähte gefunden. Nein, eine mechanische Erklärungsmöglichkeit kann ich nicht erkennen. Einige Parapsychologen glauben, ich würde die Kunst der Psychokinese beherrschen – also die Kunst, den Stift durch die Kraft meines Geistes zu bewegen. Das wäre auf jeden Fall ein ziemlich toller Trick. Sie übersehen dabei aber die Tatsache, dass ich viele meiner Experimente automatisiert und randomisiert habe. Oftmals weiß ich also gar nicht, was vor sich geht. Das erfahre ich erst, wenn ich die Diagramme und Videoaufzeichnungen auswerte. Herkömmliche Erklärungsversuche solcher Art klingen ziemlich abgedroschen.

Eine Erklärung, die Harper vorschlägt, bezieht sich auf statische Elektrizität: Wenn man nämlich mit schlurfenden Schritten durch einen Raum geht und dann eine Pflanze berührt, erhält man eine Reaktion. Aber natürlich berühre ich kaum jemals eine meiner Pflanzen während der Beobachtungszeit, und zudem wäre das Ergebnis dann in jedem Fall ganz anderer Art.“

Welches Signal fangen die Pflanzen denn nun tatsächlich auf?

„Das weiß ich nicht. Ich bin der Überzeugung, dass sich dieses Signal, was auch immer es sein mag, auch über Entfernungen hinweg nicht abschwächt. Das wäre jedoch der Fall, wenn es sich um ein elektromagnetisches Phänomen handelte. Ich schloss beispielsweise eine Pflanze an und unternahm dann immer wieder Spaziergänge, jeweils mit einen randomisierten Timer in meiner Tasche. Sobald der Timer klingelte, kehrte ich nach Hause zurück. Die Pflanze reagierte jedes Mal in dem Augenblick, in dem ich umkehrte. Die Entfernung spielte dabei keine Rolle. Auch das Signal aus Phoenix war ja seinerzeit genauso stark gewesen, als hätte sich Brian O’Leary im Nebenraum befunden.

Wir haben ebenfalls versucht, das Signal abzuschirmen, und deshalb mit Blei ausgekleidete Behältnisse verwendet und mit sonstigen Materialien experimentiert. Das Signal ließ sich jedoch nicht abschirmen. Mich brachte das zu der Vermutung, dass das Signal nicht wirklich von hier nach dort wandert. Vielmehr scheint es sich an verschiedenen Orten zu manifestieren. Damit landen wir natürlich unweigerlich im Bereich des Metaphysischen und Spirituellen.“

Eine neue Definition von Bewusstsein

Ich merkte an, dass das Phänomen der Primärwahrnehmung nach einer radikal neuen Definition von Bewusstsein verlangt.

„Sie meinen, wir müssten uns von der Vorstellung verabschieden, Bewusstsein als etwas zu betrachten, worauf wir Menschen ein Monopol haben?“

Backster zögerte einen Augenblick lang und fuhr dann fort:

„Die westliche Wissenschaft hat eine übertriebene Vorstellung von der Rolle, die das Gehirn für unser Bewusstsein spielt. Ganze Bücher hat man über das Bewusstsein des Atoms verfasst. Tatsächlich könnte Bewusstsein jedoch auf einer völlig anderen Ebene existieren.“

Ich fragte Backster, ob er auch mit Materialien gearbeitet hätte, die man normalerweise als unbelebt bezeichnet.

„Ich habe einige Dinge zerkleinert und in Agar suspendiert. In diesen Fällen erhielt ich elektrische Signale, die jedoch nicht notwendigerweise mit dem in Verbindung standen, was in der Umgebung vor sich ging. Das Elektrocode-Muster war zu vage, um es identifizieren zu können. Ich vermute allerdings, dass Bewusstsein tatsächlich noch wesentlich weiter reicht.

1987 nahm ich an der University of Missouri an einem Programm teil, im Rahmen dessen auch Dr. Sidney Fox einen Vortrag hielt. Fox arbeitete seinerzeit am Institut für molekulare und zelluläre Entwicklung der University of Miami. Er hatte elektrische Signale aufgezeichnet, die von einer proteinähnlichen Substanz ausgingen. Diese Substanz wies Eigenschaften auf, die denen lebender Zellen in verblüffender Weise ähnelten. Die Einfachheit der verwendeten Substanz und deren selbstorganisierende Fähigkeiten ließen mich vermuten, dass bereits in den frühesten Evolutionsstadien Biokommunikation auf diesem Planeten stattfand.

Das passt natürlich hervorragend zu der sogenannten Gaia-Hypothese – der Vorstellung, dass die Erde ein großartiger Riesenorganismus ist, der über jede Menge eingebauter Korrekturmechanismen verfügt. Von diesem Konzept ausgehend halte ich es für nicht allzu weit hergeholt, dem Planeten selbst Intelligenz zuzusprechen.“

Ich fragte Backster, wie man seine Arbeit denn in anderen Teilen der Welt aufgenommen hätte.

„Die Russen und andere Osteuropäer zeigten von Anfang an Interesse. Und wann immer ich indischen Wissenschaftlern – buddhistischer oder hinduistischer Orientierung – begegnete und wir über meine Arbeit sprachen, bereiteten mir diese Menschen keinerlei Kummer, sondern sie fragten mich nur: ‚Warum hat das so lange gedauert?‘ Meine Forschungen fügen sich nahtlos in viele Konzepte des hinduistischen und buddhistischen Weltbildes ein.“

Ein grundlegender Einklang

Ja, warum haben wir eigentlich so lange gebraucht?

„Viele fürchten, dass meine Beobachtungen, sollten sie richtig sein, von uns verlangen, zahlreiche Theorien, auf denen wir unser Leben aufgebaut haben, vollständig neu zu überdenken. So mancher Biologe hat schon geäußert: ‚Wenn Backster Recht hat, dann stecken wir in Schwierigkeiten. Man benötigt schon einen starken Charakter und eine ganz besondere Persönlichkeit, wenn man das Wagnis eingehen will, fundamentale Grundannahmen zu hinterfragen.

Die wissenschaftliche Gemeinde des Westens – ja, eigentlich wir alle befinden uns in einer verzwickten Lage. Denn wenn wir unsere bisherige Lebensweise aufrechterhalten wollen, dann müssen wir dafür ungeheure Mengen an Informationen ignorieren. Und von Tag zu Tag wächst dieser Berg von Informationen weiter an.

Kennen Sie beispielsweise die Experimente, die Rupert Sheldrake mit Hunden durchgeführt hat? Mithilfe einer Kamera mit Zeitmesserfunktion fertigte er jeweils Aufzeichnungen sowohl von einem Hund, der sich zu Hause befand, als auch von dessen Besitzer am Arbeitsplatz an. Dabei fand er unter anderem heraus, dass der Hund sich immer in dem Moment in Richtung Haustür auf den Weg machte, wenn sein Besitzer die Arbeitsstätte verließ, auch wenn die Uhrzeit von Tag zu Tag variierte.

Sogar Mainstream-Wissenschaftler stolpern immer wieder einmal über dieses Phänomen. Wenn man bedenkt, welch hoch ausgereifte Instrumente uns heute zur Verfügung stehen, dann scheint es schier unglaublich, dass uns dieser grundlegende Einklang alles Lebenden bisher entgangen sein sollte. Wie lange wird es uns wohl noch gelingen, uns auf ‚lockere Drähte‘ herauszureden? Was sich uns mit solcher Deutlichkeit zeigt, können wir nicht in alle Ewigkeit leugnen.“

Anmerkung der Redaktion

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen mit freundlicher Genehmigung des Autors überarbeiteten Auszug aus Kapitel drei des Buches „The Myth of Human Supremacy“ (Der Mythos von der Überlegenheit des Menschen) von Derrick Jensen (New York, NY: Seven Stories Press, 2016).


 

Quelle: Primärwahrnehmung und Biokommunikation: ein Interview mit Cleve Backster – NEXUS Magazin

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